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Kleidung aus Ozean-Plastik - Nachhaltiger Trend oder viel Gerede um nichts?

Kleidung aus Ozean-Plastik wird aktuell stark von zahlreichen Unternehmen beworben. Auf den ersten Blick könnte man dies auch für eine gute Sache halten. Dennoch gibt es auch hier einige Schattenseiten, die wir dir gerne näher bringen möchten.
Nachhaltigkeit
Stefanie Hermuth
5 Minuten

Mode aus Recyclingfasern liegt im Trend, weshalb aktuell zahlreiche Unternehmen mit ihren Kollektionen aus Ozean-Plastik oder anderen Plastikabfällen werben. Doch wo kommen die Plastikabfälle dafür wirklich her und wie ist die Öko-Bilanz?

Kleider aus PET-Flaschen, Sneaker aus Meeresplastik und Badeanzüge aus alten Fischernetzen – sie alle enthalten Recyclingfasern. Egal zu welcher Preisklasse sich ein Unternehmen zählt, viele setzen auf Kollektionen aus „Ocean Plastic“ oder anderem Plastikmüll und wollen so auch ein Stück vom Kuchen abhaben.

Alles für das grüne Image

Zu den gängigsten Fasern der Modeindustrie zählt Polyester. Laut der Organisation Textile Exchange sind inzwischen 14 % der Anteile dieser Fasern in unserer Kleidung recycelt. Dennoch scheint die Welt der Mode in puncto Nachhaltigkeit an Fahrt aufzunehmen. Zahlreiche Marken versprechen: „Wir säubern die Meere von Geisternetzen, in denen Meeresbewohner wie Schildkröten oder Delfine meist qualvoll verenden. Wir verwandeln den Müll von Land und Meer in Kleidung, verbrauchen so weniger Plastik und tragen zu einer Schließung des textilen Kreislaufs bei.“ Wenn das nicht mal nach einer guten Sache klingt! Ist Mode aus recyceltem Kunststoff also die Lösung im Kampf gegen die Plastikflut in der Umwelt?

Jährlich landen zwischen 8 und 13 Tonnen Plastikmüll in den Meeren. Laut der Umweltorganisation WWF entspricht dies einer Lastwagenladung pro Minute. Recycling soll in diesem Fall dazu beitragen, die Menge an neuem Plastik zu verringern, sodass kein neues Rohöl zu Garn versponnen werden muss. Auf diesen Zug springen Modemarken aktuell auf und propagieren ihr grünes Image, um Kund:innen ein gutes Shopping-Gewissen zu geben. Frei nach dem Motto: Kaufe diese Schuhe, mit denen wir den Ozean von 11 weiteren Plastikflaschen befreit haben. Bleibt die Frage, ob das technisch überhaupt umsetzbar ist.

Leichter gesagt, als getan!

Natürlich ist jedes Kilo weniger Plastik im Meer an sich erst einmal gut. Dennoch erweist sich die Verarbeitung des Plastiks zu neuer Kleidung als sehr aufwendig. Hinzu kommt, dass das Verfahren aktuell noch nicht gänzlich ausgereift ist und nicht transparent belegt werden kann, ob das Ganze auch wirklich so nachhaltig ist, wie es angepriesen wird. Somit sieht die Realität leider etwas anders aus, da wenig Meeresmüll verarbeitet wird und stattdessen viel aufwändiges Recycling die Regel ist. Aber ist das Faser-Recycling nichts anderes als ein monströser Marketingtrick?

Viele Marken behaupten das Gegenteil. So auch einer der größten Nylon-Hersteller, welcher ebenfalls auf recyceltem Nylongarn setzt, das „Econyl“ genannt und von mittlerweile rund 240 Marken weiterverarbeitet wird. Fakt ist, dass Recycling-Garn immer wieder mit Schildkröten in Fischernetzen beworben und von Modemarken als Ozean-Plastik vermarktet wird, obwohl dies nicht ganz korrekt ist. Tatsächlich stammen 50 % des Rohstoffs aus Industrieabfällen wie Plastik und Stoffresten, während die andere Hälfte aus „Post Consumer“-Müll bestünde. Letzteres meint Müll wie z.B. alte Teppiche oder Fischernetze, die vor allem aus Aquakulturen stammen. Geisternetze machen hierbei nur den kleinsten Teil aus. Der Grund dafür ist einleuchtend, da Geisternetze von Taucher:innen auf NGO-Initiative einzeln geborgen und gesäubert werden müssen und in der erforderlichen Masse und Qualität gar nicht verfügbar sind. Econyl wird also lediglich zu einem sehr geringen Prozentsatz aus Meeresmüll hergestellt. Aber wie sieht es denn in diesem Fall mit der Umweltbilanz aus?

Bei der Herstellung von Econyl werden die Rohstoffe sortiert, zerkleinert und anschließend chemisch recycelt. Dabei wird das Nylon depolymerisiert und in seinen hochwertigen Originalzustand zurückversetzt, aus dem letztendlich neues Nylon gesponnen wird. Der Hersteller behauptet, dass dieser Prozess die CO2-Emissionen anders als bei der Verarbeitung von neuem Nylon halbiere. Chemisches Recycling erzeugt von der Qualität her Neuware, ist aber sehr energieintensiv, weshalb dieser Prozess von einigen Seiten kritisch beobachtet wird. Das ist auch ein Grund dafür, weshalb es in Deutschland bislang nur Pilotanlagen gibt. Noch können viele Personen nicht einschätzen, ob das Verfahren ökonomisch tragfähig ist, bzw. fehlen auch zur ökologischen Bewertung fundierte Daten. Neben dem hohen Energieaufwand kommen zudem viele toxische Chemikalien beim chemischen Kunststoffrecycling zum Einsatz. Aufwand und Ertrag stehen bisher also in keinem besonders gutem Verhältnis.

Leere Versprechungen

Werkstoffähnliches bzw. mechanisches Recycling steht dem chemischen Vorgang gegenüber und wird, was den Energie- und Chemieaufwand betrifft, allgemein als bessere Variante eingestuft. Dennoch werden aus diesem Prozess bislang nur minderwertige Fasern gewonnen.

Spätestens nach dem „Fishing for litter“-Projekt einer Hochschule, ist die Schwierigkeit bewiesen, die mit dem Verarbeiten von Müll zu neuen Dingen (insbesondere Kleidung) einhergeht. Die Forscher:innen zogen Geisternetze, Taue und Folien aus Nord- und Ostsee. Doch selbst nach einem aufwendigen Prozess mittels mühsamer Handarbeit konnten letztendlich nur Brillengestelle oder Brieföffner aus dem Müll hergestellt werden. Es steht also fest: Kleidung gänzlich aus Geisternetzen oder Meeresmüll gibt es nicht. Im Materialmix wie beim Econyl mag Müll in der Kleidung enthalten sein, allerdings nur zu einem sehr geringen Prozentsatz. Fakt ist aber, dass wir mit unserem Kauf kaum Müll aus den Meeren beseitigen, da Geisternetze schwer zu bergen bzw. zu recyceln sind und der übrige Plastikschrott sich kaum für Fasern eignet.

Schneiden PET-Flaschen besser ab?

Auch Mode aus PET-Flaschen wird immer wieder beworben, doch woher stammen hier die übrigen Recyclingfasern? Aus alter Kleidung wahrscheinlich nicht, da dies viel zu aufwändig wäre. Trotzdem lohnt sich hier ein genauerer Blick.

Der Vorteil von PET-Flaschen liegt auf der Hand. Sie können ziemlich sortenrein gesammelt werden und lassen sich darüber hinaus relativ gut in Fasern verwandeln. Dennoch kritisieren hier einige Personen den Aspekt, dass diese anschließend im PET-Flaschen-Kreislauf fehlen und wieder neue Flaschen hergestellt werden müssen. Ebenso müssen bei diesem Prozess immer Frischmaterialien zugeführt werden, da sich beim Recycling keine qualitativ hochwertigen Endlosfasern (Filamente) herstellen lassen. Ein Kleidungsstück, dass zu 100 % aus Recyclingplastik besteht, ist leider nicht umsetzbar. Aber wieso werben zahlreiche Unternehmen dann dafür?

Das Problem ist hierbei ganz klar die fehlende Transparenz. Es ist bisher nicht vorgeschrieben, den tatsächlichen Anteil und Ursprung von Recycling- und Frischfasern zu deklarieren. Beides wäre eigentlich dringend notwendig. Die Europäische Union arbeitet inzwischen wohl an einem Beschluss, der es Hersteller:innen untersagt, Kleidung mit geringem Recycling-Anteil als solche zu verkaufen. Aber selbst durch ein Verbot lässt sich dies kaum durchsetzen, da z.B. bei dem chemischen Recycling der recycelte Anteil analytisch kaum mehr nachweisbar ist.

Fazit

Kleidung aus Ozean-Plastik mag nach einer super Sache klingen. Im Endeffekt ist dies schwierig umzusetzen bis unmöglich und zahlreiche Unternehmen nutzen den Trend lediglich, um ihr Image in puncto Nachhaltigkeit ordentlich aufzupolieren. Aufgrund der intransparenten Lieferketten und fehlenden Deklarierungsvorschriften musst du davon ausgehen, dass selbst bei „recycelten“ Kleidungsstücken neue Fasern enthalten sind. Wenn du also auf Nummer sicher gehen magst, setze auch in Zukunft eher auf einen reduzierten Konsum als auf Recycling. Der Umwelt wird es nur auf diese Art und Weise wirklich etwas bringen.

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